Der Große Psycho - ein kritischer Studienbegleiter
Wir habe hier Platz geschaffen, um eure Resonanz zu der Broschüre einzufangen: Was war gut, anregend, neu...? Was schlecht, ungenau, problematisch, falsch...? Was kann man besser machen beim nächsten Mal, worauf sollten wir achten? Welche Leseerfahrungen habt ihr gemacht? Was habt ihr nicht verstanden? usw. Schreibt's einfach ganz unten in die offene Box!
"grosserPsycho_innen" ist schon mal ein toller Dateiname ;-)
Vielen Dank für eure Mühe und das Verbreiten!
Schöne Grüße aus Wien
nun habe ich Euren Studienbegleiter gelesen und ihn sehr interessant
gefunden! Ich spare mir detailliertes inhaltliches Lob.
Ich habe nur 2einhalb (kleine) Anmerkungen:
- Die Idee mit dem Klappstuhl fand ich deshalb nicht so gut, da die
Alternative: Entbindung von Anwesenheit ja bedeutet, daß damit
Bulimie-Stoff versäumt wird, da dieser nicht wie "früher" üblich in
Bibliotheken nachzulesen sein dürfte - oder?
- Zur Praxisrelevanz als Info: Bultmann* führt in seinen vom BdWi
herausgegebenen Schriften sehr gut aus, daß "Praxisrelevanz" in den
70-er Jahren des vorigen Jahrhunderts was ganz anderes bedeutete als
jetzt: Es ging damals darum, zu erforschen, wo und wie z.B. Psychologie
gesellschaftlich praktisch relevant werden konnte. Die Erforschung
erfolgte in studentischen Projekten - die zu beruflichen Möglichkeiten
führen sollten und oft auch führten.
Da die Universitäten sich damals dazu entschlossen, nicht
Individualhilfe in Form von Therapien als "praxisrelevant" zu sehen,
sondern Institutionsberatungen, entstanden jedenfalls in Berlin z.B.
Kita-Beratungen, Heim-Beratungen, Ausbau der Schulpsychologischen
Dienste etc.
(Die Kehrseite dieses Beschlusses ist sicher auch tragisch:
nicht-universitäre Psychotherapieausbildung - dazu der Marlenes
Dietrichs Witz von Morus....)
- Die Frage im Studienbegleiter, ob Praxisrelevanz erst in der
Therapieausbildung erworben werden kann führt als "einhalbe" Anmerkung
wieder zur Frage zurück, was Praxisrelevanz bedeuten kann. Sind
Menschen, die wg. unmenschlicher Lebensbedingungen "psychisch krank"
sind, zu stabilisieren, damit sie "aufstehen" können - oder müssen die
Lebensumstände so verändert werden, daß diese Menschen nicht psyschisch
"krank" werden? Die humanistische Psychologie nimmt den zuerst genannten
Standpunkt ein, wohl auch PsyA u.a. Richtungen. Klaus Holzkamp sagte mal
in etwa: wenn es möglich ist, daß therapeutisch stabilisierte Menschen
in den Verhältnissen, in denen sie leben, gut klar kommen, haben sie
doch keinen Grund mehr, die Verhältnisse ändern zu wollen oder zu sollen.
Eben fällt mir noch ein, daß die Aufhebung des n.c. gefordert wird. Also
doch noch Anmerkung 3 - falls ich mich nicht ob der Forderung irre. Der
Minister für dies und jenes Röttger forderte das mal für das
Medizinstudium, damit mehr Ärzte ausgebildet werden. Damit wird
sozusagen das Pferd ja vom Schwanz aufgezäumt: der n.c. ist ja nur Folge
von begrenzten Studienplätzen. Aufhebung des n.c. mit der kostenlosen
Abgabe von Klappstühlen - und noch zur Übertragung eine Verlesung eines
Lehrbuchs wäre ein Thema á la Loriot.
Und dann nur so: Ich denke, was eine Universität (sensu Humboldt?)
bedeutet, habe ich von Klaus Holzkamp gelernt. Eine Vorlesung bedeutet,
daß der Forscher (ob nun Prof. oder nicht) unveröffentlichte
Forschungsergebnisse vorliest und damit zur Diskussion stellt. Ein
Seminar bedeutet, daß Studierende mit Lehrenden Gelesenes diskutieren
und bewerten (griechisch: zu kritisieren), um so die Wissenschaft
weiterzuentwickeln. Lehrende und Studierende also als
Forschungsgemeinschaft.
Als Vervielfältigungsmaschinen entwickelt wurden, suchte Klaus Holzkamp
mit diesen nach erweiterten Diskussionsmöglichkeiten, auch mit Menschen,
die nicht in seine Vorlesungen kamen, so mit Kollegen...
Forschung bedeutet nicht nur empirische und schon gar nicht nur
experimentelle, sondern auch "theoretische", also Lektüre und Nachdenken.
Der Philosoph Günter Anders soll mal gesagt haben, daß empirische
Forscher nur zu faul sind zu denken.
Jean Piaget schrieb in etwa: ich wollte nicht nur denken, sondern
Fakten, also wurde ich Empiriker.
Soweit heute, und viele Grüße, Gisela
- Bultmann, T. (1993): Zwischen Humboldt und Standort
Deutschland. BdWi-Verlag